Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

Über den Umgang mit Leckerli

Mit den Leckerli ist es wie mit anderen Hilfsmitteln, die bei Pferden eingesetzt werden: Richtig gut kann man sie eigentlich erst verwenden, wenn man sie nicht mehr braucht. :-)


Und noch etwas: Auch Leckerli können ein Spiegel sein – wenn wir hineinblicken, verrät er uns viel über die Beziehung zwischen uns und unserem Pferd.

Verwendest du Leckerli - und wenn ja, wie, warum und wofür?

Ich möchte dir hier Anregungen geben, über die Verwendung von Leckerli nachzudenken und dir erzählen, warum Leckerli nicht fester Bestandteil in der Freiarbeit mit Herz sein können.

 

Deshalb mal kurz zurück zum Start: Was wollen wir eigentlich in der Freiarbeit mit Herz erreichen? Wir wollen eine Beziehung zu unseren Pferden entwickeln, die wechselseitig Vertrauen, Respekt, Aufmerksamkeit (Fokus) und Freude am gemeinsamen Tun beinhaltet. Wir wollen ein Pferd, das sich ausdrückt und das motiviert mitmacht. Wir wollen die Verbindung zum Pferd entwickeln oder vertiefen. Und wir wollen mit unserem Pferd durch Raum, Energie und Bewegung kommunizieren.


Es gibt ja mittlerweile die unterschiedlichsten Motivationen und Trainingsmethoden, Leckerli zu verwenden. An dieser Stelle komme ich nicht umhin, ehrlich Stellung zu beziehen und mich vielleicht bei einigen Lesern unbeliebt zu machen.
Leckerli im Dauereinsatz und als unverzichtbares Kommunikationsmittel sind mit der Freiarbeit mit Herz nicht vereinbar.
Das heißt nicht, dass wir unserem Pferd niemals Leckerli geben dürfen, es geht um etwas anderes. Wenn die Verabreichung von Leckerli keinen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten des Pferdes mir und meinen Mitteilungen oder Trainingsinhalten gegenüber hat, kann ich sie ohne weiteres zwischendrin mal geben. Aber in den meisten Fällen werden sie ja verwendet, um die Wirkung der Mitteilungen oder Trainingsvorschläge zu beeinflussen. Entweder werden sie als Mittel der Kommunikation eingesetzt oder als Belohnung, und beides passt nicht zur Freiarbeit mit Herz. Häufig kann man auch beobachten, dass sie für den Menschen eine ebenso wichtige Rolle spielen wie für das Pferd, sie schenken Sicherheit und führen zu einer klareren Kommunikation mit dem Pferd. Methoden der positiven Verstärkung und das Clickertraining haben sicher vielen Menschen geholfen, den Umgang mit ihren Pferden zu verbessern. Aber in der Freiarbeit gibt es ein interessantes Phänomen. Kennst du auch diese Facebook-Videos, in denen irgendeine tolle Bewegung gemeinsam mit dem Pferd gezeigt wird, und in der letzten Sekunde kann man gerade noch erkennen, wie die Hand des Menschen zur Jackentasche wandert – das Verabreichen der Leckerli aber weggeschnitten wurde? Offenbar möchten die Urheber dieser Videos zeigen, wie verbunden sie mit ihrem Pferd sind, und empfinden selbst, dass sich der Eindruck verändert, wenn man am Ende sieht, wie das Pferd erwartungsvoll oder gar fordernd das Leckerli entgegennimmt ...?

 

Leckerli beeinflussen das Verhalten des Pferdes natürlich sehr stark, denn seine Instinkte werden geweckt, seine Motivation, beim Menschen zu bleiben und „das Richtige“ zu tun, um eins zu bekommen, wird stimuliert. Ich möchte es mal so sagen: Wenn ich mit meinem Pferd Freiarbeit mache ganz ohne weitere Hilfsmittel, sind da zwei Wesen, die miteinander agieren und kommunizieren. Wenn ich mit meinem Pferd arbeite und Leckerli verwende, sind wir zu dritt. Alles was passiert, passiert zwischen uns dreien: mir, dem Pferd und den Leckerli. Wenn du diese einfache Formel einmal ausprobieren möchtest, ist das ganz einfach: Geh mit deinem Pferd auf einen Platz und mach eine beliebige Übung, die dem Pferd eine gewisse Energie und Bereitschaft abverlangt, mit Leckerli. Und etliche Male später leg alle Leckerli beiseite und mach dasselbe noch ein paar Mal. Zuerst läuft es wahrscheinlich noch gut, weil das Pferd erstmal herausfinden muss, dass die Belohnung ausbleibt. Aber dann?

 

Wer bin ich für mein Pferd, wenn ich ihm für jede schöne Einheit, die ich mit ihm erleben darf, ein Leckerli gebe?


Wenn ich Leckerli mit mir herumtrage, wird mein individueller Raum, meine Person, zu einem bevorzugten Raum, der das besondere Interesse des Pferdes weckt. Wenn ich keine Leckerli in meinen Taschen habe, erlebe ich direkt, wie es um das Interesse meines Pferdes an meiner Präsenz bestellt ist. Schenkt meine Ausstrahlung Sicherheit und Wohlgefühl? Dann wird das Pferd meine Nähe suchen. Oder braucht es gerade mehr Distanz, weil es müde oder mit etwas anderem beschäftigt ist? Dann ist es gut, das wahrzunehmen und darauf eingehen zu können. So wird meine Wahrnehmung und meine Fähigkeit, mich mit meinem Pferd zu verbinden und auf mich selbst zu vertrauen, wachsen. Wir werden zusammen die Freude spüren, eine neue Herausforderung, ein neues Bewegungsgespräch miteinander erlebt zu haben. In der Freiarbeit mit Herz wollen wir das Pferd nicht belohnen, denn es gibt kein Richtig und Falsch oder Gut und Schlecht. Wir suchen das authentische Miteinander Sein. Und wenn wir dies gefunden haben, unabhängig von Leckerli, dann freut sich unser Pferd sicher darüber, wenn wir ab und zu, unverhofft, mal etwas Leckeres herbeizaubern und es damit überraschen. Wenn unsere Kommunikation generell ohne Belohnungen abläuft und unser Pferd keine Leckerli für das, was es tut, erwartet, ist es auch möglich, hier und da seine Motivation zu steigern, wenn sich grad alles etwas lahm und zähflüssig anfühlt. Wir mögen ja auch eine Tasse Kaffee und ein leckeres Stück Kuchen, wenn die Arbeit nicht so richtig von der Hand geht.

 

Die Umstellung von ,mit Leckerli' auf ohne kann etwas hart sein. Ein Pferd, das dauernd Nähe gezeigt hat, wendet sich auf einmal ab und ist nicht länger interessiert. Das auszuhalten, ist natürlich nicht so einfach. Ich habe es selbst erlebt, als ich aufgehört habe, Leckerli als Kommunikationsmittel zu verwenden. Aber es lohnt sich durchzuhalten! Wenn der Leckerli-Instinkt im Pferd zur Ruhe gekommen ist und wir gemeinsam nach Motivation und Freude entwickeln im wechselseitigen Vertrauen darauf, einander zu genügen, wird unser Pferd uns ganz neue Seiten von sich zeigen und uns mitnehmen in ein immer feineres Erspüren und Verstehen seiner Mitteilungen.

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© Bettina Löber

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