Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

Raum einnehmen - das Pferd wegschicken

Darf ich dich wirklich wegschicken? .... Meinst du es denn auch ernst?

RAUM EINNEHMEN ist der unentbehrliche Gefährte vom RAUM TEILEN (siehe hier).

Wenn wir eine ausgewogene, partnerschaftliche Freundschaft mit unserem Pferd erreichen wollen, brauchen wir Vertrauen und Respekt, Nähe und Distanz. Ein Mensch, der nicht imstande ist, ein Pferd wegzuschicken, wird von diesem nicht respektiert.

 

Unten findet ihr eine Übung und ein Video, aber erstmal möchte ich erklären, worum es geht.

 

Beim RAUM TEILEN geben wir die Kontrolle und Verfügung über den Raum an das Pferd ab. Die Pferde genießen das und suchen von sich aus Verbindung. Auf diese Weise entsteht eine wohlwollende Freundschaft.

Ein Nebeneffekt, wenn wir ausschließlich auf diese Weise mit unserem Pferd zusammen sind, ist, dass es nicht allzu viel Respekt vor uns hat. Auf Dauer gewöhnt es sich daran, jederzeit in unseren individuellen Raum zu spazieren und dominiert je nach Naturell aktiv oder eher subtil und passiv den jeweiligen Raum. Also entweder durch Zudringlichkeiten (zum Beispiel bei Futter) oder, indem es sich nicht für uns bewegt, zum Beispiel beim Training.

Möglicherweise ist folgendes passiert: Wir haben uns von dem in der konventionellen Pferdewelt üblichen Kontrollieren und Herrschen verabschiedet, weil wir freie Pferde als gleichberechtigte Partner wollen, aber jetzt haben wir Kontrolle und Macht abgegeben und die Sache umgedreht. Pferde sind sanftmütig und freundlich und neigen nicht übermäßig zu Übergriffen. Aber sie haben ein feines Gespür für Grenzen und sind Meister im Feintuning von Energien, und wenn wir keine Grenzen setzen und niemals RAUM EINNEHMEN, fehlen ihnen wichtige Bezugspunkte in ihrer Beziehung zu uns. Das kann erstens gefährlich sein – zum Beispiel, weil sie nicht genügend auf uns achten und uns anrempeln -, und zweitens können wir uns nicht wirklich zusammen weiterentwickeln, wenn wir Menschen uns nie als agierende Partner in Bezug auf Raum und Energie einbringen. Es fehlt dann an Respekt, Fokus und an Spannkraft. Eine tragfähige, lebendige Beziehung braucht den Wechsel im Führen und Folgen, Geben und Nehmen.

... ich weiß nicht, ja, schon ... aber eigentlich bin ich so gern bei dir ... Ich kann nicht gehen, wenn du mich nicht loslässt ...

Ich glaube, dass viele Frauen bei den Pferden das suchen, was sie in den Strukturen von Macht und Kontrolle in unserer Umwelt so sehr vermissen: Gemeinschaft, Harmonie und Herzenswärme. Deshalb ist es jetzt eventuell so, dass uns jeder Ansatz, etwas vom Pferd zu verlangen, sehr schwer fällt. Balance zwischen zwei Wesen entsteht aber wie gesagt nur durch den Wechsel im Geben und Nehmen. Pferde sind in dieser Hinsicht ganz unkompliziert, für sie ist es selbstverständlich, dass ein anderer Vier- oder Zweibeiner daherkommt und einen bestimmten Raum für sich beansprucht. Entweder sie spüren seine starke Energie und machen ihm Platz, oder sie fühlen ihre Kraft und sagen NEIN. Auf der Basis eines grundlegenden Gemeinschaftsgefühls (Herdenverbund) und ihres harmoniebedürftigen Wesens spielen sich diese kleinen Übergriffe täglich viele Male in der Herde ab und sind nichts anderes als Kommunikation.

 

Stellt euch zum Beispiel zwei miteinander tobende Jungpferde vor oder die feinen Bewegungen innerhalb einer Herde beim Grasen. Ich selbst erlebe wunderschöne „Raum-Spiele“ mit meinen Pferden, die nur dadurch funktionieren, dass ich dazu bereit bin, sowohl Raum zu geben als auch zu nehmen.

Das kann sehr subtil ablaufen. Im Sommer spielen wir zum Beispiel manchmal, wenn ich bei ihnen Kaffee trinke und dazu leckere Kekse nasche, das „Zentimeterspiel“.

Dann stehen sie einen Meter von mir entfernt beide vor mir und wollen einen Keks. Durch Energie und Präsenz nehme ich diesen Raum von einem Meter ein. Sie stehen da … und gaaanz langsam schiebt Liberty ihre Nase weiter nach vorn … und wenn nichts passiert, hebt sie einen Huf und setzt ihn unauffällig fünf Zentimeter nach vorne, während ich versuche, genau den Moment zu erwischen, in dem ich Nein sagen muss … oh, da winkt der Zeigefinger, also zurück … und das schafft Raum für Zarib, nun sein Glück zu versuchen … und so geht es weiter. Die Pferde können gar nicht genug davon bekommen, und es sind gar nicht so sehr die Kekse, die sie motivieren, sondern dieses geteilte sanfte Weichen und Vordringen, in dem wir uns intensiv miteinander verbinden und alles um uns herum vergessen. Egal ob Zentimeter oder etliche Meter, hier sind wir mitten im Bereich der Lieblingsspiele der Pferde.

es fühlt sich noch nicht ganz leicht an und ich hätte gern etwas mehr Raum ... aber ich spüre schon jetzt deine innere Kraft ... Ich danke dir für diese Erfahrung!

Das alles soll zum Ausdruck bringen, das RAUM EINNEHMEN für Pferde völlig selbstverständlich ist. Wie ist das für euch? Seid ihr in der Lage, im täglichen Leben auf selbstverständliche Weise Raum einzunehmen? Was passiert zum Beispiel, wenn ihr in der Stadt durch eine Menschenmenge geht? Weicht ihr dauernd den anderen aus, oder genau das Gegenteil? Wie reagiert ihr in Reibungen mit anderen Menschen? Gebt ihr gerne nach, um die Harmonie zu erhalten? Oder gehört ihr zu den eher starrsinnigen Typen, die sich durchsetzen wollen? Und wie ist es nun mit eurem Pferd? Ist es für euch selbstverständlich, euer Pferd auch mal wegzuschicken und ihm zu ,sagen‘, dass ein bestimmter Raum euch gehört und das Pferd ihn verlassen soll? Und wenn ja – habt ihr ein gutes Gefühl für das Minimum an benötigter Energie? Und geht das auch in allen Gangarten, also verschieden schnell? All diese Fragen sind sehr wichtig für unsere Selbstwahrnehmung  im Umgang mit unserem Pferd.

 

Es gibt viele Facetten und auch viele Übungen zum RAUM EINNEHMEN. Heute möchten wir euch eine erste Übung anbieten, die ihr zum Beispiel machen könnt, wenn ihr eine Weile Raum geteilt habt. Sie enthält eine sehr sanfte Art und Weise, Raum einzunehmen und ein Pferd aufzufordern, diesen zu verlassen und ist daher gut geeignet, wenn ihr das Pferd noch nicht lange kennt oder bisher noch nicht auf diese Weise mit eurem Pferd gearbeitet habt.

Nehmt euch eine Gerte oder Bogenpeitsche und stellt euch weit vom Pferd entfernt auf. Nun geht ihr über den Platz, nicht genau auf das Pferd zu, sondern in alle möglichen Richtungen, und wedelt dabei knapp über dem Boden mit der Peitsche, um eine gewisse Energie zu erzeugen. Nach einer Weile geht ihr dabei auf das Pferd zu, mit dem Gedanken: „Den Raum, in dem du gerade stehst, brauche ich jetzt. Bitte geh mal zur Seite!“ Also nicht „jetzt verscheuche ich dich mal“. Es geht um den Raum. Auf diese Weise ist das, was ihr tut, für das Pferd total normal.  Sobald das Pferd sich in Bewegung setzt und Platz macht, dreht ihr um und geht wieder vom Pferd weg. Das ist wichtig, denn die Botschaft bei dieser Übung ist nur: Bitte gib mir jetzt mal diesen Raum. Wir wollen dabei das Pferd nicht verfolgen! Ihr könnt nun sehr fein austarieren, wie viel Energie ihr braucht, damit euer Pferd den Raum freigibt, und üben, nicht mehr Energie freizumachen als nötig, aber rechtzeitig so viel wie nötig. Es ist hilfreich, wenn ihr eure Aufmerksamkeit teilt, zum Beispiel 50% beim Pferd, 50% bei euch selbst. So lernen wir, sowohl das Pferd als auch uns selbst wahrzunehmen. Wenn dieses RAUM EINNEHMEN für beide problemlos abläuft, könnt ihr mit unterschiedlich starken Energiestufen experimentieren: Gelingt es euch, das Pferd auch im Trab wegzuschicken? Wann immer ihr ein ungutes Gefühl habt, könnt ihr durch RAUM TEILEN die Verbindung wieder intensivieren. Natürlich spielt hierbei eine wichtige Rolle, wie gut Mensch und Pferd sich bereits kennen. Alle unter euch, die schon länger Freiarbeit machen, wissen, dass sich aus diesem ,Pferd wegschicken‘ und darauf folgenden ,Wieder einladen‘ schließlich der Tanz entwickeln lässt.

Mit RAUM TEILEN UND ZEIT SCHENKEN und RAUM EINNEHMEN können wir eine primäre Grundkommunikation mit Pferden aufbauen, die dann für die weitere Entwicklung dient.

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© Bettina Löber

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