Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

22. Dezember 2015

Was heißt eigentlich ,Freiarbeit'?

 

Viele verschiedene Aktivitäten mit Pferden werden zur Zeit unter „Freiarbeit“ zusammengefasst, die Bandbreite reicht von anspruchsvoller Freiheitsdressur über Zirkuslektionen und Natural Horsemanship bis zu meditativem Zusammensein mit einer Pferdeherde. „Frei“ bedeutet dann, dass kein Seil und kein Halfter vorhanden ist. Die Ansätze, was wir und das Pferd bei der Freiarbeit tun und lernen, sind entsprechend unterschiedlich. Mal geht es um feindosierte Hilfen beim Trainieren von Seitengängen, mal um unsere Körpersprache und mal um die energetische und gefühlsmäßige Wahrnehmung von Pferdesprache und in diesem Zusammenhang um die Beziehung zwischen Mensch und Pferd.

 

Daraus ergibt sich, dass ein Pferdemensch auf der Suche nach einem geeigneten Kurs in „Freiarbeit“ einem sehr weit gefächerten Angebot gegenübersteht. Welches Angebot ist das richtige? Ich habe mir beim Verfassen meiner eigenen Kursausschreibung Gedanken darüber gemacht, nach welchen Ansätzen jede/r Mensch den richtigen Kurs für sich finden kann.

 

Folgende Fragen können weiterhelfen:

1. ZIELE – wer lernt hier was?
2. FREI – was genau ist damit gemeint?
3. KOMMUNIKATION – wie läuft sie ab bei den gemeinsamen Aktivitäten?

 

Wenn der Mensch festgelegte Ziele hat, wie er sich zusammen mit dem Pferd bewegen will, welche Gangart und Haltung das Pferd dabei einnehmen soll und wie die Bewegung gut oder weniger gut ist, bedeutet Freiarbeit so viel wie Freiheitsdressur. Auch die große Mehrheit der Angebote im Natural Horsemanship bewegt sich in diesem Rahmen. Der Mensch sagt, was gewünscht ist, das Pferd versucht, es zu verstehen und umzusetzen. Die Ziele kommen vom Menschen und die Kommunikation wird von ihm bestimmt. Bei dieser Art von Arbeit lieben Pferde Klarheit, und es hilft ihnen, wenn die menschliche Kommunikation auf allen Ebenen (Körpersprache, Hilfen, Wortsignale, Energiesignale, mentale Bilder) auf dasselbe Ziel gerichtet ist. Je größer die Konzentration und „Versammlung“ des Menschen, umso eher wird das Ziel erreicht. Führen und Folgen sind hier klar verteilt, das Pferd ist frei von Seil und Halfter, aber nicht frei darin, sich selbst auszudrücken und eigene Vorschläge für die „Freiarbeit“ zu machen.

 

Dieser letzte Punkt ist wichtig. Manche Videos zur Freiheitsdressur lösen heute in der Pferdewelt Begeisterung aus, aber empathische Menschen können nur schwer hinschauen, weil die Dominanz und Kontrolle des Menschen – wenn auch oft subtil – das Pferd total unterwerfen. In solchen Fällen ist das Pferd zwar ohne Strick und Halfter, aber trotzdem alles andere als frei. Gute und pferdegerechte Freiheitsdressur baut auf einer vertrauensvollen Beziehung auf. Je mehr sich der Mensch darüber bewusst ist, auch selbst lernen zu müssen, um so mehr wird die Kommunikation beim Training beidseitig. Bestimmte Reaktionen des Pferdes werden nicht einfach als Widerstand abgetan, sondern als Mitteilung aufgenommen: Hier ist etwas nicht im Flow, hier entsteht Unbehagen, hier ist es nötig, etwas zu verändern.

 

In letzter Zeit rückt ein anderer Ansatz von Freiarbeit immer mehr ins Blickfeld. Er geht weniger von festen Zielen aus und stellt die Verbindung und Kommunikation in den Mittelpunkt. Immer mehr Pferdemenschen sehnen sich nach einer vertrauensvollen Beziehung mit ihrem Pferd, die sich in wechselseitigem Respekt und fließender gemeinsamer Bewegung ausdrückt, im gemeinsamen Tanz. Allein das Anschauen von Videos, in denen ein Pferd-Mensch-Paar auf diese Weise miteinander in Bewegung ist, berührt das Herz und weckt den Wunsch, das auch zu können.

 

Bei dieser Art von Freiarbeit geht es nicht mehr um Dressur, und eine Gratwanderung beginnt. Hier suchen wir nach Wegen zu gleichberechtigter Freiheit und beidseitiger Kommunikation. Ich nenne diese Arbeit ,Freiarbeit mit Herz‘. Natürlich gibt es auch Ziele, aber die Aufmerksamkeit liegt mehr auf dem gemeinsamen Weg. Mental und emotional sind wir darauf vorbereitet, jederzeit auf die Mitteilungen unserer Pferde zu reagieren. Wir sind bereit, uns nicht nur über eine methodisch erlernte Körpersprache, sondern auch über ,Pferdesprache‘ zu verständigen, und das macht uns verletzbar. Auf einmal sind wir nicht mehr Lehrer, sondern Lernende. Wir betreten Neuland und lernen, immer feiner über Energie zu kommunizieren. Wir lernen, ,Raum‘ als Ausdrucksmittel zu verstehen. Nähe und Distanz, unsichtbare Grenzen und eine spürbare Herzverbindung im geteilten Raum werden zu wichtigen Bausteinen unserer Freiarbeit. Raum und Bewegung stehen dem Pferd frei zur Verfügung, um eventuell NEIN zu sagen zu dem, was wir wollen. Dieses NEIN ist für uns kein Anlass aufzugeben, sondern respektvoll zuzuhören und je nach Situation erst einmal etwas anderes zu machen oder unsere Anfrage mit mehr oder weniger Energie, mehr oder weniger Nähe, mehr Freude, mehr Ruhe, mehr mentaler Konzentration zu wiederholen. Bei dieser Art von Freiarbeit wird jedes Training zu einem intensiven Gespräch.  Jedes sture Festhalten an einem vorher gefassten Ziel würde den Fluss der Kommunikation unterbrechen, das Pferd würde je nach Naturell mit erkennbarer Absage (indem es weggeht, in die Gegend schaut …) oder Langeweile (indem es mitmacht, aber nicht mehr neugierig und wach ist und glänzt …) reagieren.

Wenn die Sehnsucht nach echter Verbindung groß genug ist und immer wieder erwacht, wenn unser Pferd bisher nur wenig motiviert und geistig abwesend ist oder wir Probleme im täglichen Umgang haben, gibt es nur noch einen Weg: Ich höre auf, in meinem Umgang mit dem Pferd darauf zu bauen, dass diese so kraftvollen Tiere als Flucht- und Beutetiere durch ihre innereigene Sanftmut auf unsere Dominanz und Kontrolle mit der ihnen eigenen Fähigkeit zur Duldung und Hinnahme reagieren. Die meisten Pferde geben bei Kontrolle durch den Menschen nach. Wenn ihr Mensch ihnen Sicherheit und eine gewisse Beständigkeit bietet, arrangieren sie sich mit ihm und sind oft durchaus ganz zufrieden. Aber voll präsent und zugewandt sind sie dann nicht. Ihr Gemüt zieht sich so weit wie nötig nach innen zurück. Hier liegt der Grund für unsere Enttäuschung und innerliche Unzufriedenheit, wenn wir eigentlich eine echte Partnerschaft mit ihnen ersehnen.

Wenn ich die Beziehung zu meinem Pferd auf echter Partnerschaft aufbaue, muss ich bereit sein, mich ganz auf das Gespräch einzulassen. Hier beginnt ein Weg, auf dem ich Dinge wieder erlerne, die in mir veranlagt sind, aber im gewohnten menschlichen Umfeld lange vernachlässigt oder verachtet wurden. Dinge, die ich verlernt habe durch die Konditionierungen im Laufe meines Lebens.

 

Was gilt es zu lernen?

1. Achtsame Präsenz, das bedeutet richtig zuhören, sich ganz einlassen auf den Moment und die Zweisamkeit.
2. Ich muss SEIN, was ich TUE oder tun möchte. Ich DARF sein, was ich tun möchte: wie ein Kind, das in der Freude des Zusammenseins über eine Wiese tanzt, so anziehend in seiner Fröhlichkeit, dass kein Pferd widerstehen kann.
3. Ich muss vertrauen können, um Vertrauen zu empfangen.
4. Ich muss meinen energetischen Raum öffnen, um mich zu verbinden.

5. Ich muss wieder lernen zu fühlen, ohne manche Gefühle abzulehnen und zu ignorieren.
6. Ich brauche Balance, meine innere Mitte, um zwischen Führen und Folgen, Raum geben und nehmen mühelos zu wechseln. Daraus entsteht der freie Tanz, in gemeinsamer Bewegung aus dem Augenblick.

 

Diese Art von Freiarbeit ist die beste Basis für alle anderen Arten von Training.

 

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