Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

Nachruf auf Zarib

Am 4. Juli 2016 ist mein geliebter Wallach und Seelenfreund Zarib für immer gegangen.

Vor sechs Wochen ist mein geliebter Wallach und Seelenfreund Zarib gestorben. Ich möchte so gern einen Nachruf auf dieses große, große Pferd in kleinem Körper schreiben, aber schon die Verbindung von ,Nachruf‘ und ,Zarib‘ stürzt mich in die totale Verzweiflung, denn ich bin eigentlich in keiner guten Phase, es jetzt zu tun. Ich bin gerade in der kompletten Resignation und Fassungslosigkeit: Er kommt tatsächlich nicht wieder. Ich werde nicht aufwachen, und er ist wieder da. Im Gegenteil, in meinen Träumen bin ich öfter mit ihm zusammen und wache gewissermaßen mit ihm auf, was bemerkenswert ist, weil ich mich selten an meine Träume erinnern kann. Ich wache auf und verliere ihn aufs Neue, und die Tage beginnen mit Tränen.


Die Lücke, die er hinterlässt, ist gewaltig. In dieser Phase der Resignation … von der ich irgendwie im Hinterkopf weiß, dass jeder Hinterbliebene sie irgendwann durchwandert … habe ich das Gefühl, dass überhaupt nichts Bestand hat. Alles, was ich getan und in die Welt gebracht habe, scheint irgendwie für ihn gewesen zu sein. Mein wunderbarer Pferdeplatz, an dem ich seit fünf Jahren Kraft und Ruhe finde … im Moment bekomme ich keinen Boden unter die Füße. Meine Arbeit mit Pferden – das Coaching und die Freiarbeit mit Herz … alles gibt es nur durch ihn, und jetzt, wo er weg ist, empfinde ich diese Sehnsucht, auch zu gehen, weil alles so leer ist.


Schon beim Schreiben weiß ich, dass das ja gar nicht stimmt. Beziehungsweise, dass es gleichzeitig stimmt und nicht stimmt. Da ist Liberty, die gerade Wunderbares vollbringt und mir schenkt. Da sind die wunderbaren Menschen, die zu uns kommen zum Coaching. Da ist der Ruf … meine Berufung, das total Echte, Ehrliche zusammen mit den Pferden zu leben. Da ist seit drei Wochen Queeny, zarte, feine Stute und neue Lebensgefährtin von Liberty … wir müssen einfach erstmal wieder auf die Füße kommen. Drei verletzbare und im Moment verletzte Stuten. Mal wieder möchte ich gerettet werden und suche den Märchenprinz. Jeden Tag googele ich in ehorses und ebay herum und suche den Wallach, der uns fortan trägt. Hilflose Suche nach neuem Boden unter den Füßen.

Zarib. Gesprochen Saarib, mit weichem ,s‘. Jeder scharfe oder zischende Laut wäre hier fehl am Platz. Er war weich, sanft, unendlich gutmütig und konnte gleichzeitig ein grantiger Sturkopf sein. Zarib, der Tränen-ins-Fließen-Bringer, der wohltuende Heiler verletzter und enttäuschter Seelen. Aufgrund seiner Weichheit und der Tatsache, dass sein Körper ebenfalls zart gebaut und nicht höher als 145 cm Widerristhöhe war, wurde er oft verkannt. „Och, du Süßer“ ….  Ich glaube, eines der größten Geschenke, die ich ihm geben konnte, war dieses: Ich habe immer den Hengst in ihm wahrgenommen, seine innere Kraft und Größe, und tatsächlich hat er bis zum Schluss seine Stute verteidigt, so gut es ging, als klar war, dass wir unsere Dreisamkeit öffnen und ein weiteres Pferd zu uns einladen müssen, damit Liberty nicht allein ist, wenn er geht.


Zarib ist am 4. Juli 2016 in den frühen Morgenstunden gestorben. Wir haben ihn erlöst, um ihn vor dem qualvollen Ersticken zu bewahren.


Warum tue ich mir das hier eigentlich gerade an? Es tut so weh, es zu schreiben, es anzuschauen. Hilft es mir wirklich, wie ich meine? Oder quält es mich nur? Wo ist diese innere abgeklärte Frau, die weiß, dass Trennung und Tod in Wahrheit Illusion sind … ja, die es weiß, weil sie es fühlt und nicht nur auswendig gelernt hat, denn sie ist eine Alte Seele und kennt beide Ebenen … sie lernt gerade einmal mehr, dass das Dasein im Körper alles andere als langweilig und eintönig ist. Die Wechselbäder der Gefühle, die inneren Abgründe und äußeren Lebenskämpfe, das Tanzen zwischen Dur und Moll nimmt kein Ende, bis zu diesem letzten Atemzug, den ich nun bei einem anderen, innig geliebten Wesen erlebt und begleitet habe.


Das ist Teil meiner Wunde. Es war das erste Mal für mich. Noch nie habe ich jemanden im Sterben begleitet. Ich hatte riesige Angst davor. Zarib und ich haben uns lange darauf vorbereitet, und es fiel ihm nicht leicht, mich alleinzulassen. Im letzten Sommer ging es ihm seeeehr schlecht, aber irgendwie war klar, dass wir noch nicht bereit sind. Zarib war über dreißig Jahre alt. Atemprobleme, mal mehr, mal weniger. Arthrose, mal mehr, mal weniger. Eiternde Stellen im Maul und irgendwo tiefer. Dann ging es bergauf und ganz gut durch den Winter. Er wurde noch einmal erstaunlich gesund. Kein Eiter, kein Keuchen. Aber ich wusste damals schon Bescheid, denn ein Satz war in aller Klarheit in mir aufgestiegen: „Noch einen Sommer wird er sich nicht antun!“


Zu schwül, zu drückend. „Das Frühjahr wird er noch mitnehmen“, auch das wusste ich ganz genau. Denn Zarib liebte über alles, auf eine satte grüne Weide zu laufen und das pure Sein zu genießen. Ihn dabei zu sehen, gab mir Kraft und Lebenssinn, Lebensfreude. Er war die wandelnde Botschaft von: „Siehst du, es lohnt sich immer durchzuhalten. Es lohnt sich immer, weiterzumachen. Das Leben kann so wunderbar sein!“

Als ich ihn vor achteinhalb Jahren fand, war sein Leben alles andere als wunderbar. In einem Reitstall, in den ich mich gewagt hatte, um nach dreißig Jahren Pause wieder reiten zu lernen. Zarib, was für ein Glück, dass ich so zierlich bin. Schon ab der zweiten Reitstunde bekam ich immer dich. Zarib, der Gutmütige. Er bekam generell die meisten Anfänger. Sein Rücken war total fest, aber von sowas hatte ich damals keine Ahnung. Zweimal am Tag Anfänger durch die Halle tragen. Dann raus auf das viel zu kleine Gelände, auf dem eine Herde von 28 Pferden versuchte, miteinander auszukommen, ohne die eigenen Raumbedürfnisse leben zu können. Auch davon habe ich damals noch nichts verstanden.


Mein Auftauchen brachte ziemlich bald neue Qualitäten in Zaribs Leben. Ich wollte ja eigentlich nicht in der Halle rumturnen, sondern raus in die Natur! Nach einiger Zeit wurden meine Reitstunden in Ausritte umgewandelt. Immerhin schon mal frische Luft, was Zarib? Und ich wollte Pferde spüren, fühlen, mit ihnen schwingen. So begann unsere Freundschaft: Zwei zogen los zur nächsten leckersten Wiese. Ich stand im Gras unter den Obstbäumen und schaute dir beim Grasen zu. Du hattest keine Zeit, zu mir zu schauen, denn du warst sooo dünn, soooo hungrig. Als wir dann auch alleine ausreiten durften, wurden die Pausen immer länger, weil ich wusste, du wartest schon aufs gemeinsame Grasen.


Ist es nicht wunderbar, wie ich in dieser Hinsicht einfach alles richtig gemacht habe, ohne darüber nachzudenken? Was habe ich auf diese Weise alles gelernt … über Raumbewusstsein und Verbindung, über gemeinsames Bewegen und Herzenergie … alles das, was wirklich zählt!


Schließlich durfte ich dich kaufen. Wow. Zum ersten Mal ein eigenes Pferd! Im Dorf eine kleine Herde, in der du fortan leben durftest – den ganzen Sommer über auf leckeren großen Weiden. Meine Güte, wenn ich heute die Bilder sehe! Voller Stolz zog ich mit dir hier ein, denn ich habe gesehen, wer du wirklich bist: Ein unendlich schönes Pferd, ein bisschen Hengst, und ganz viel Liebe. Ein riesengroßes Herz und ein langes Leben auf dem Buckel, in dem sehr vieles nicht besonders gut gelaufen war. Du mochtest Kinder. Und mich. Ich war wie ein Kind. Einfach glücklich. So zogen wir hier ein, und die Leute dachten: Was für einen Klepper hat sie sich denn da andrehen lassen …

 

Es folgte die Zeit der Haferschüsseln … nach dem Grasen unser zweites gemeinsames Ritual, unsere zweite Vereinbarung: Verlass dich drauf, ich komme morgens und abends mit der Haferschüssel. Okay, dafür bekommst du mein freudiges Wiehern und meinen Heranstürm-Galopp!

Und viele wunderbare Ausritte. Unsere Zeit zu zweit: halbe Tage unterwegs, mit Picknickpausen und auf der Suche nach Jagdwiesen, denn das war unser drittes Ritual: kein Ausritt ohne Jagdgalopp! Als Shagya-Araber mochtest du dies genau wie ich: Langsam loszockeln und dann eine gute Zeitlang durch Wald und Wiesen wandern, während sich innerlich die Spannung, die Vorfreude aufbaut … auf dem Weg zu der einen Wiese, zu dem einen Weg … wir taten, was „man ja eigentlich nicht soll“ und ritten immer über dieselben Wiesen im Affenzahn, so dass schon hundert Meter vorher unser Erregungslevel stieg … und dann … tränende Augen im Wind, wehende Mähne, nichts mehr denken, Rausch der Geschwindigkeit, fliegende Glückseligkeit, zwei, die eins sind, getragen vom LEBEN …
 


… das ist schon ziemlich lange her. Es hörte auf, weil du älter wurdest. Weil wir weitergingen. Weil Liberty kam und unser Leben durcheinander brachte. Weil ich einen weiteren Schritt tat und einen Hektar Wiese in ein Offenstall-Paradies umwandelte. Für dich … so fühlt es sich heute an. Für ein Pferd, das mir zeigt, dass man niemals die Hoffnung verlieren soll, dass in jedem Augenblick die Chance für einen Wandel liegt. Dein Glück war mein Glück. Jemanden glücklich zu machen, war das Schönste für mich! Und so war unser viertes gemeinsames Ritual das Zelebrieren von Glück.


Wir haben es ausgestaltet: Zum Beispiel gab es jeden Tag deinen herrlichen Galopp über den langen Laufweg, wenn ich mit der Futterschüssel im Auto angefahren kam. Die Selbstverständlichkeit, mit der du dein Leben verlängert hast im Vertrauen auf meine Schüsseln, hat mich zutiefst im Herzen berührt! Es dürften etwa zwei Jahre gewesen sein, in denen du keine Zähne mehr hattest, um allein durch Heu satt zu werden. Täglich zu erleben, wie du vertraust, hat etwas mit mir gemacht: Wie kann man gleichzeitig so abhängig und so glücklich sein???  Du hast mich herausgefordert: Wenn ich im Winter bei Dunkelheit und Kälte raus musste zu euch an den Waldrand, um dann eine Stunde bei euch zu sitzen und dich schmatzen zu hören, am Himmel die Sterne, im Wald alle möglichen Geräusche, dann war das ein Schritt raus aus der scheinbar so schützenden Zivilisation von uns Menschen und rein ins Urvertrauen.

Scheiße – es fehlt mir alles so sehr! Unser gemeinsames Leben war mein Gerüst, mein Geländer. Aber ich merke nun doch, wie gut es mir tut, es alles aufzuschreiben. Mal die Kriegerin, die ich archetypisch bin, in die Knie gehen zu lassen und zu sehen, dass ich ohne dich ein Häufchen Elend bin. Ein kleines Mädchen, das ganze Bergseen von Tränen vergießt. Ja, eine Frau 50+, die gerade auch noch Tränen des kleinen Mädchens vergießt, weil sie heute tun kann, was dem Mädchen damals oft nicht möglich war. Viel zu weinen war verpönt.


Die Kriegerin fängt an zu rebellieren: Du bist doch gar kein Häufchen Elend, und du erlebst gerade wunderbare Dinge! Immer mehr Menschen hören den Ruf, der an Zaribs und Libertys Seite in dir geboren ist und den du in die Welt gebracht hast, um ihn mit anderen teilen zu können: den Ruf zur echten Hingabe, Partnerschaft, Verwandlung! Liberty, die das Unglaubliche wahr macht und mir Momente schenkt, in denen sie steht wie der Fels in der Brandung, um meine Tränen aufzunehmen, obwohl sie selbst gerade schwebt und traurig ist. Die beim Coaching deinen Part mit übernimmt. Liberty, die jetzt endlich „erstes Pferd“ sein kann, was ein Urbedürfnis in ihr ist … wir wachsen gerade miteinander in neue Dimensionen von Innigkeit …


Beim Coaching warst du der Seelentröster, sie war diejenige, die sich den Konflikten und Spannungen der Menschen gestellt hat. Du warst archetypisch der verwundete Heiler. Durch deine Wunden, die ich wahrnahm, ohne zu wissen, wann und wo du sie erlitten hattest, konntest du unsere heilen. Das fing schon an, bevor ich überhaupt mit Coaching zu tun hatte. Spaziergang mit irgendeiner Freundin zu den Pferden. Ein paar hinführende Worte, wie Pferde unser Gemüt spiegeln und unterdrückte Emotionen ins Fließen bringen. Eine Einladung, sich einen Moment zu dir zu stellen … und schon flossen die Tränen. Aber du hast niemanden im Regen stehen lassen. Deine Kraft war die Liebe. Großes, großes Herz. Du hast uns wieder und wieder das Vertrauen geschenkt in diese Urkraft des Lebens. Ja, es ist geradezu wunderbar, wie da ein eher kleines Pferd einfach nur stehen kann, vier Hufe am Boden, trageerschöpfter Rücken, ansonsten eine Topfigur für einen über Dreißigjährigen … wie es da so stehen kann, und eine unglaubliche Präsenz erfüllt den Raum und heilt die Menschenwunden.


Heute verstehe ich noch ein bisschen besser, wie du das geschafft hast. Dein Alter, deine Würde, deine Hingabe, dein großes offenes Herz bildeten ein Feld, einen Energiepunkt, der weit und leuchtend genug war, um das ganze große kollektive Feld der Pferdeahnen, das energetische Feld gesammelter Pferdeweisheit anzuziehen und anzuzapfen. Ich fühle es jetzt noch stärker, weil ich mit dir gegangen bin bis zum letzten Atemzug … und noch ein kleines bisschen weiter.

Es ist schon komisch mit dem Bewusstsein. Ich wusste also, dass du diesen Sommer nicht mehr mitmachen wolltest, und es hat mich doch mit Sorge erfüllt zu sehen, wie du in den letzten Wochen immer mehr Schmerzen und Unwohlsein zeigtest. Und dann noch dieser große letzte Schritt: ein neues Pferd in deinem Wohnzimmer. In dieser Hinsicht warst ja du besorgt. Deine Beziehung mit Liberty hatte den Status einer langjährigen, eingespielten Ehe erreicht, und schon länger war mir klar, dass das für sie nicht so bleiben kann. So saß ich hier zwischen den Stühlen, zwischen meinen beiden geliebten Pferden: Der eine will, dass möglichst alles genau so bleibt wie es ist, und die andere langweilt sich, braucht mehr soziale Abwechslung und auch mehr Nähe. Ja, mein Lieber, es ist mir nicht entgangen, dass du es warst, der sich Libertys Angeboten zärtlicher Fellpflege entzog und hier auf eine gewisse Distanz bestand, während ich dich stundenlang streicheln und massieren durfte.


So kam tatsächlich ein drittes Pferd, ein paar Wochen vor deinem Abschied. Es lief gut. Ein paar Wochen zu dritt, und er machte dir auch nicht deinen Offenstallplatz streitig. Er fand seinen Platz und LIbertys Gefallen, und trotzdem war eure eingeschweißte Ehe nicht in Gefahr.


Wenige Tage vor deinem letzten Tag stehen wir beide mal wieder zusammen, während du am Grasen bist, und ich sage unvermittelt: „Ich trage alles mit, Zarib, mach es, wie es für dich richtig ist.“ Und verdränge es offenbar gleich wieder, denn es ist mir erst nach deinem Tod wieder eingefallen. Auch die schwarzen Federn, die die Krähen mir mehrfach vor die Füße werfen, steigern zwar mein Unbehagen, und ich fühle, dass etwas kommt, aber ich ahne dennoch nichts von der Schnelligkeit und Wucht der Ereignisse. Ich registriere, dass dein Atem wieder schwerfälliger wird. Auch die zunehmenden Momente von Abgewandtheit entgehen mir natürlich nicht und machen mir Sorge. Ich fühle, wie du dich innerlich zurückziehst und komme dadurch ein bisschen ins Schleudern. Inzwischen kann ich es nachfühlen: Wie soll man sich lösen von seinen Lieben, wenn die letzte Stunde näherrückt?


Am 3. Juli, einem Sonntagabend, erlebe ich, ohne es zu wissen, deinen letzten herrlichen Galopp über den Laufweg zu meinem Futtereimer. Ich sitze ein bisschen bei dir, als du ihn mit der üblichen Hingabe leermümmelst. Eine Weile bin ich noch auf dem Gelände unterwegs, es dämmert schon, und ich will gerade losfahren – da legst du dich auf einmal hin. Es ist dieser Augenblick, der alles erklärt. Nur die verschiedenen Instanzen meines Wesens brauchen noch verschieden lange, um es zu begreifen.
Es ist klar, dass da etwas aus dem Ruder läuft, denn niemals hast du dich um diese Zeit in deinen Stall gelegt. Es folgt eine Weile des Aufstehens und wieder Hinlegens, die Tierärztin kommt, ein paar lindernde Medikamente, eine letzte Nacht, und dann der Morgen, der mir die Erfahrung bringt, vor der ich mich am allermeisten gefürchtet habe. Alles geht viel zu schnell. Dein Kopf in meinen Armen, und trotz deiner Atemnot das gemeinsame Erinnern all der wunderbaren Jahre, die wir miteinander verbringen durften. Ich bin keine Heldin, nein, ich heule Rotz und Wasser und bin dennoch präsent und bereit, dich zu begleiten und dir den Weg leichter zu machen. Ich hülle dich ein in die pure Glückseligkeit, die unsere Seelen miteinander verbindet. Wir legen unsere Stirnen aneinander, und Kraft strömt zwischen uns voller Licht und Wärme. Ich sehe dich als Fohlen, und ich fühle dein SEIN und nehme es noch einmal ganz in mich auf. Großes, großes Herz! Wunderbares Pferd, das ich nun gehen lassen muss …


Ja, auch davor habe ich mich wahnsinnig gefürchtet – dass ich die Tierärztin rufen muss, dass ich, nachdem ich so lange dein Vertrauen genoss als Futtereimer-Bringerin, nun dein Vertrauen brauche, um deinen Tod herbeizuführen. Damit bin ich noch längst nicht fertig, das ist Trauma pur. Und eine eigene Geschichte, die verarbeitet werden will, aber nicht in deinem Nachruf.


Es geht nun alles viel zu schnell. Du bist noch einmal aufgestanden und mit uns nach draußen gegangen, und ich spüre so sehr deine Angst. Ja klar, die Angst, um die niemand herumkommt, auch kein Tier, das immerhin den Tod nicht fürchtet. Sterben ist nochmal etwas anderes. Ich fühle, dass du ein Pferd brauchst und hole Liberty, die sich eigentlich schon verabschiedet hatte und mit ihrem neuen Gefährten am Grasen ist. Noch einmal meine beiden Pferde Nüster an Nüster, um Abschied zu nehmen. Und dann dein Kopf in meinen Armen, und ich sehe, wie das Leben aus deinen Augen weicht.

Ich sitze im Staub neben dem geliebten Körper. Ich fühle die Verwirrung deiner Seele, die eine natürliche Folge des menschlichen Eingreifens ist … oder vielleicht wäre sie auch so da gewesen? Ich sitze neben dir und streichele deinen Körper und bin selbst unterwegs an dieser Grenze zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. In diesem Moment fühle ich ganz deutlich diese große Illusion, die damit verbunden ist … in diesem Moment ist das Tor zwischen den Welten ganz geöffnet. Ich fühle aber auch das Nadelöhr, den schmalen Durchschlupf, den die Seele passieren muss, um in den und aus dem Körper zu gehen, wenn die Zeit gekommen ist. Ich denke nichts und begreife nichts, bin gleichzeitig dumpf und doch ganz da, ich bin irgendwo zwischen den Welten. Zarib! Mein geliebter Freund, es sind die letzten Minuten, in denen du noch körperlich auf Erden bist. Ich fühle, wie du deinen Weg in die Freiheit suchst. Ich streichele deinen Körper und sonst nichts. Dann kommt auf einmal diese unwiderstehliche, goldene Leichtigkeit, und ein Satz:


Seine Seele tanzt mit dem Wind!


Und ich weiß, dass es geschafft ist. Du bist raus. Berührst mich voller Liebe.


Ich sitze geschunden und verloren im Staub. Habe die Katastrophe überlebt und den Schatz empfangen.


In den nächsten Tagen ist deine Präsenz gewaltig. Trotz der Trauer gebe ich den geplanten Workshop über Archetypen, und einer der mächtigsten aller Archetypen begleitet uns zusammen mit dir: der Tod, der in Wahrheit nichts anderes ist als ein sehr machtvoller Übergang, eine Verwandlung. Leichter Flug der Seele, voller Liebe für die, die im Körper sind.


So. Jetzt habe ich seit ca. drei Stunden nur geschrieben. Drei Taschentuchpackungen leergemacht. Fühle mich genauso dumpf wie am 4. Juli morgens um neun Uhr, als ich mich dazu entschließen musste, deinen Körper zu verlassen und loszulassen, denn die Grausamkeit, die uns unsere Zivilisation in dieser Hinsicht abverlangt, lässt keinen Raum für Gefühle.


Nein, ich fühle doch was. Ich bin froh, dass ich es jetzt gewagt habe. Denn ich hatte auch Angst vor dem Schreiben dieses Nachrufs. Wie soll ich Worte finden für das, was du warst für mich, für viele andere, für die Welt und ihr großes Gedächtnis, das niemals etwas vergisst? Ich habe keine Ahnung, ob es mir gelungen ist, einen Nachruf zu schreiben, der deiner würdig ist.


Du hast mich begleitet durch achteinhalb Jahre voller Verluste und Krisen. Du hast aus mir einen anderen Menschen gemacht. Du hast mir den Mut gegeben, meiner Berufung zu folgen und mein Leben auf das Sein mit den Pferden abzustimmen, obwohl nichts in meinem Umfeld mich dazu einlud. Weil ich hier das finde, was ich mein Leben lang vermisst habe: echten Gemeinschaftssinn, Empathie und bedingungslose Ehrlichkeit. Du hast mir gezeigt, dass es immer Hoffnung gibt, und dass nichts wichtiger ist als das SEIN. Wer bin ich? Wer bin ich, wenn alle Stricke reißen und nichts anderes mehr trägt?

 

Diese Frage stellen wir uns gerade, lieber Zarib, denn du hast uns hier getragen. Dein Name ist Arabisch und bedeutet: „Der, der die Herde zusammenhält.“ Das hast du getan. Nicht im Außen, sondern auf der Ebene der Seele und der psychischen Befindlichkeiten. Jetzt hängen wir etwas durch. Haben die Hufe noch nicht wieder richtig auf dem Boden. Mal sehen, wie es weitergeht. Jetzt beginnt eine neue Heldenreise, und das Schreiben dieses Nachrufs verwandelt sich in einen neuen Ruf.


Dein Tod und dein Sterben waren wie eine Initiation für mich. Im Moment fühle ich mich dem noch nicht gewachsen. Aber Stirn an Stirn haben wir einen Pakt geschlossen. Großes, großes Herz! Es gibt immer Hoffnung, und immer Liebe. Das werde ich in die Welt bringen, weil du mir gezeigt hast, wie das geht und dass man das kann, ohne theatralisches Brimborium, in einem kleinen Körper und unbeeindruckt von allen Anwandlungen von Sturheit und Starrsinn :). Danke sagt dir die starrsinnige Kriegerin, das verletzte innere Kind, die alte Seele, die Frau, die ich bin.


Ich werde nun nicht dauernd im Unsichtbaren nach dir suchen. Ich fühle, dass deine Seele mit der großen Gemeinschaft der Pferdeseelen im Wind fliegt und bin dankbar für diese neue Art tiefer Verbundenheit, die ich da spüre. Das klingt doch gewaltig nach Pegasus, oder? Mein Lieber, ich glaube, ganz wirst du mich doch nicht los. Du trägst mich noch immer … und jetzt haben wir Flügel!


Ist das Leben nicht wunderbar?


Ja, du hast recht, es ist wunderbar. Eine Wiese zum Grasen und ein paar Mitgeschöpfe für die Liebe, die wir im Herzen spüren und die sich verschenken will. Mehr braucht es nicht. Jeder Gedanke an dich wird mich an diese einfache Wahrheit erinnern.


In Dankbarkeit und Liebe
Bettina

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