Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

15. September 2015

Zur Erinnerung an Leopold, den großen Heiler

 

Niemand, der ihm wirklich begegnet ist, wird ihn jemals vergessen. Vor zwei Wochen ist Leo über die Regenbogenbrücke gegangen. Wie wird der nächste Workshop auf Hof ,Herzland‘ sein – ohne ihn?

 

Leo 1

 

Die Antwort ist ganz einfach: Er wird überhaupt nicht ohne ihn sein. Leos große weise Seele wird da sein, sie füllt den Raum zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Und seine Heilkraft wird uns auch weiterhin berühren und tragen durch die Prozesse der Heldenreise.

 

Ich hatte von Anfang an großen Respekt vor Leo. Aber seine wahre Kraft habe ich erst etwas später erlebt, an einem Sonntagmorgen beim Zwei-Tages-Workshop.

Mirca ist gerade erst angekommen, sie konnte am ersten Tag nicht dabei sein. Sie bringt eine neue Farbe, eine neue Energie in die Gruppe, das ist sofort zu spüren. Und ohne einander auch nur halbwegs zu kennen, treffen wir alle die gleiche Wahl für sie für die erste Pferdeübung: Silke und ich suchen unabhängig voneinander Leo für sie aus – und Mirca hat sich selbst bereits für Leo entschieden. Irgendwie ist es gar nicht zu übersehen, dass da etwas zusammenschwingt.

 

 

Marion, Besitzerin des Hofs ,HERZ-LAND‘, hat von Leo erzählt, dass er von Fremden mit seinem ganzen Namen Leopold angesprochen werden möchte. Leo ist er nur für Freunde, und Freunde sind für ihn die Menschen, die sich nicht verbergen, die bereit sind, ihr Innerstes offenzulegen. Von einem, der seine wahren Gefühle versteckt, lässt Leo sich noch nicht mal das Halfter aufziehen. Sein Körper wirkt gebrechlich und älter als die neunzehn Jahre, die er auf der Erde weilt, aber seine innere Kraft ist stark. Leo ist ein ,verwundeter Heiler‘.

 

Der ,verwundete Heiler‘ ist ein mächtiger Archetyp. In der griechischen Überlieferung ist es Chiron, der erst zu einem großen Lehrer und Heiler der Menschheit wird, nachdem er seine Wunde empfangen hatte. Nur wer die tiefen Abgründe der Seele durchwandert und ihren Schmerz selbst erfahren hat, kann andere auf dieser Wanderung begleiten und heilen.

 

Mirca und Leo stehen auf dem Sandplatz, und Mircas Aufgabe ist es, sich mit Leo zu verbinden und gemeinsam über den Platz zu gehen. Schon nach einer Weile ist Leo bereit, Mircas Werben zu beantworten, und die beiden bewegen sich zusammen in echter Verbindung.

 

 

Aber irgendwie fehlt da noch was. „War’s das, oder geht da noch mehr?“, frage ich Mirca. Und nach einem kurzen Zögern geht sie erneut auf Leo zu. Eine Woge von Trauer schwappt über den gesamten Platz, und Leo erwacht zu seiner wahren Kraft. Eigentlich ist mit Worten nicht zu beschreiben, was jetzt passiert. In meinem Inneren entsteht das Bild einer gigantischen Lichtglocke, die sich, ausgehend von den beiden, über den gesamten Hof ausspannt. Alle stehen andächtig und bewegungslos in dieser Kraft. Es ist ein Augenblick jenseits der Zeit. Ein tiefes Gefühl von Leben. Die Begegnung dieser zwei Heilerseelen berührt uns alle. Ich habe dieses Gefühl noch immer in mir.

 

Marion hat erzählt, wie sie und Leo zusammenkamen. Es war nur eine Annonce, ein Foto in einer Zeitung, „ich hatte gar keine andere Wahl, als mich ins Auto zu setzen, 500 km zu fahren und ihn nach Hause zu holen“.

 

Nun hat sie ihren Leo auf wunderbare Weise auf seinen letzten Schritten begleitet. Sie und die Herde versammelten sich um Leo, um die Energie für ihn zu halten und ihn bis an die Schwelle zu begleiten. Alle Tore waren geöffnet, und er konnte freudig wiehernd die sichtbare Welt hinter sich lassen. Wenn eine große Seele die Körperwelt verlässt, gibt es in Wahrheit keine Trennung. Und wenn jetzt doch beim Schreiben dieser Zeilen ein paar Tränen fließen, dann sind es Tränen der Dankbarkeit, dass ich dieses Pferd in seinem letzten Jahr noch kennen lernen und erleben durfte.

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