Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

Zwischen Mut und Verletzbarkeit

Das letzte Wochenende war aufregend und hat unsere zwei- und vierbeinige Gemeinschaft auf eine turbulente emotionale Reise mitgenommen. Es sind Dinge passiert, die ich niemals selbst so geplant hätte und – noch schlimmer – die ich meiner lieben Stute Liberty zufügen musste, nun schon zum zweiten Mal innerhalb von einem Jahr. Ihre Gefährtin, eine Stute, die bei uns lebte, seit Zarib gestorben war, die aber nicht mir gehört, hat uns verlassen. Eigentlich ein Ereignis, das in der Mensch-Pferde-Welt häufig passiert und nicht von sich aus schlimm sein muss. Auch in Wildherden gibt es diese Wechsel im Herdenverband. Aber hier und bei uns trifft es genau in die wunden Punkte, die uns verletzbar machen: Erstens lebt Liberty nun schon lange immer nur in einer Zweierherde, was mir nicht gefällt, aber noch nicht zu ändern war, und zweitens hatte ich seit dem Tod von Zarib, der uns im vergangenen Juli verlassen hat, die Geschicke nicht mehr allein in der Hand. Nachdem er gegangen war, hatte ich ein paar Monate gebraucht, um für mich selbst herauszufinden, wie es weitergehen sollte. Schließlich war der Entschluss da: Wir holen ein neues Pferd zu uns! Es war auch bald gefunden, aber der eisige Winter machte eine Herdeneingliederung auf meinem Gelände schlichtweg unmöglich. Und so wurden die zeitlichen Spielräume immer enger, bis schließlich dabei herauskam, was an diesem Wochenende passiert ist: Freitag kam unser neuer Gefährte Samy und wurde erstmal neben die Stuten gestellt, Sonntag mittag wurde die Stute Queeny abgeholt.

Natürlich hatte ich beide Stuten darauf vorbereitet, und sie wussten, dass so etwas kommen würde. Aber wissen und erleben ist zweierlei. Liberty und Samy sahen, getrennt voneinander, wie Queeny weggeführt wurde, und unser emotionaler Energiepegel stieg innerhalb von Sekunden auf einen Bereich nicht nur außerhalb unserer Komfortzone, sondern auch außerhalb jeder positiven Lernzone, in der neue Erfahrungen bereichernd und angenehm spannend sind. Obwohl wir alle wussten, was da passierte, waren wir ganz plötzlich voll in der Überforderung. Liberty in Panik. Ich bin jetzt noch ganz berührt davon, wie sie da neben mir auf dem Sandplatz stand und trotz ihrer wilden Gefühle mit mir verbunden blieb. Ich konnte sie tatsächlich bei mir halten. Aber nun zeigte unser neuer Wallach Samy seine Talente. Er, der ja gerade den Abschied von seiner bisherigen Herde erlebt hatte, sah Queeny ziehen und war so erregt, dass er eine Absperrung, die er eineinhalb Tage lang respektiert hatte, nun mit beeindruckender Leichtigkeit übersprang. Ich sah ihn über die dahinter liegende Weide sprinten in Richtung auf Queeny und wusste, dass ich nun Liberty auch freigeben musste. Wunderbarer Weise ließ sie mich noch zwei Trennbänder aufknoten, und dann stürmte auch sie ans andere Ende unseres Geländes, um näher bei Queeny zu sein.
So kamen Liberty und Samy auf eine Weise zusammen, wie ich sie mir niemals gewünscht hätte: In einem Moment totaler Überforderung und emotionaler Erregung.

 

Eigentlich ein echter Trauma-Moment. Und ich? Nachdem Queeny verladen und verschwunden war, verbrachte ich die nächsten Stunden bei den beiden Pferden und fühlte körperlich die ganze Wucht der Überforderung. Würde Samy auch über den Außenzaun springen und davonrasen? Und wenn, was würde Liberty dann tun? Hier und da lief ich mit dem Akkubohrer herum und setzte die Litzen höher. Und hielt einfach, so gut ich konnte und unterstützt von meiner Tochter, den Raum. Wir saßen dort, und ich fühlte eine immense Verletzbarkeit – nicht nur meine eigene, sondern auch die der Pferde. Ich nahm ganz bewusst wahr, wie sich eine Verletzbarkeit, die das gesunde Maß übersteigt, anfühlt. Dieses riesige Unbehagen, Ausgeliefertsein, die körperlichen Spannungen, die drohende Panik, die mit Verwirrung und Schwindel einhergehen würde, wie ich aus vergangenen Erlebnissen wusste. Aber da war noch mehr: Ich spürte zugleich, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verändert habe, welche wunderbaren Verwandlungen sich in mir vollzogen haben. Denn da war nicht nur Überforderung und Verletzbarkeit, da war auch Mut und Kraft! Tatsächlich flogen immer wieder zwei Bussarde niedrig über unser Gelände, als wollten sie mir helfen, diese Kraft wahrzunehmen. Der Adlerbussard ist mein Krafttier und ruft mir immer wieder in Erinnerung, wie gut ich schwierige Situationen „von oben“ bis ins Detail hinein erfassen kann. So wusste ich auch jetzt, dass wir alle stark genug sein würden, dieses Erlebnis zu verkraften. Da war eine sehr positive, vertrauensvolle, lebensbejahende Kraft in unserem gemeinsamen Raum. Da war ein Wissen, dass wir diesen Schritt jetzt gehen mussten und er in die richtige Richtung führte. Klar, aus der Behaglichkeit meiner Komfortzone heraus hätte ich mir die Zusammenführung meiner Pferde ganz anders vorgestellt, aber was da gerade passierte, war ein Kapitel meiner Lebensreise –  eine Heldenreise, in der gerade das Opfer, die Katastrophe, das Wunder der innereigenen Herzenskraft voll freilegt.


Dieses plötzliche Verlassenwerden – das war seit meiner Kindheit mein Trauma. Und ich tat damit, was alle erwachsenen Menschen mit ihren Traumata tun: Ich inszenierte es unbewusst in meinem Leben immer wieder. Dies ist ein Impuls der Seele, die uns ermöglichen möchte, einmal die letzte Inszenierung zu erleben, indem wir ihr ein anderes Ende geben: kein Untergang, keine Verzweiflung, sondern ein Durchwandern voller Mut und Vertrauen. Trauma entsteht in Momenten, in denen ein Mensch aus seiner Komfortzone herauskatapultiert wird und keine Lösung findet, mit dieser Situation umzugehen. Manche Traumata können sich im Nachhinein leicht wieder auflösen, aber andere bleiben über viele Jahre oder für immer, wenn wir nicht diesen Weg der Initiation gehen, diesen Moment des vollen Er-wachsen-Seins erleben.

 

Während ich dort saß und zusah, wie Liberty sich nach einer halben Stunde komplett ausklinkte, auf den Platz stellte und unbeweglich das emotionale Chaos in ihrem Körper und ihrer Seele geschehen ließ, und wie Samy wieder und wieder über das Gelände lief, um es kennenzulernen, und dabei genau die solide Erdung und innere Klarheit zeigte, die ich in ihm vermutet hatte, fühlte ich in mir, dass dies tatsächlich die letzte dramatische Inszenierung eines Abschieds sein würde … dass ich keine weitere mehr nötig haben würde. So erwuchs trotz der Wucht des Erlebens und der starken Machtlosigkeit, die mich eine Weile erfasst hatte, aus dieser heftigen Verletzbarkeit eine schöne, klare Erkenntnis und das innere Erleben von Mut und Selbstvertrauen.
Am nächsten Tag war ich krank. Tatsächlich war es körperlich ein bisschen viel geworden. Ich verbrachte den Tag abwechselnd bei den Pferden und im Bett, und schon nach einem Tag war ich wieder auf den Beinen. Die Pferde brauchten ebenfalls zwei Tage, um aus der Traurigkeit und Haltlosigkeit in ihre allmählich zunehmenden Rituale der Gemeinsamkeit zu finden. Inzwischen leben sie ihre neue Heldenreise, das allmähliche Aneinander-Gewöhnen.

 

Jetzt sitze ich hier und schreibe all dies auf für die Öffentlichkeit, für dich, weil es so gut passt zum nächsten Workshop mit Pferden, der hier in Ziegenhagen stattfindet: „Mut und Verletzbarkeit“, zwischen diesen beiden Zuständen spielen sich viele Momente unseres Lebens ab. Wenn wir lernen, wer wir sind in der Verletzbarkeit, werden sich viele Erfahrungen in unserem Leben positiv verändern. Es ist gut zu erfahren, dass wir mitten in der Verletzbarkeit auf uns selbst zählen können. Natürlich gehen wir im Workshop nicht in die Überforderung, so wie ich es am letzten Wochenende erlebt habe. In einem solchen Moment zählt nur noch, was DA ist. Es zählt die innere emotionale und energetische Spannkraft, die wir vorher entwickelt haben. Jahrelang habe ich in vielen kleinen und größeren Heldenreisen meinen Mut erweckt, die innere Verbindung gestärkt und Selbstvertrauen entwickelt, Erfahrungen mit Verletzbarkeit gemacht und sie bewusst verarbeitet. Auf diese Weise konnte ich schon einiges an Trauma in mir lösen und die Opferrolle preisgeben, in die ich mich früher oft geflüchtet habe. Bei all diesen Prozessen haben mich die Pferde als untrügliche Spiegel emotionaler Energien und stets ehrliche Gefährten begleitet.


Libertys Bereitschaft, sich mir anzuschließen in einem Moment blanker Panik, war der Schatz, den ich am Wochenende empfangen habe. In ihm kam meine Präsenz zum Ausdruck. Ich hatte sie in diese Lage gebracht, ohne es zu wollen, ohne es verhindern zu können, und sie hat mir vertraut. Hat sich erneut mir anvertraut. Ihr Vertrauen wärmt mein Herz. Mittlerweile hat sie ihre eigene Mitte weitgehend wiedergefunden. Entschlossen und selbstverständlich wie immer führt sie den jungen Samy durch den Tag und über das Gelände. Noch fühlt sich alles so neu an, aber jetzt ist es dieses wunderbare Gefühl von Neuland und Abenteuer, das wir miteinander teilen auf dem Weg in unsere gemeinsame Zukunft. Wir leben die Traurigkeit über den Abschied von Queeny, die Verletzbarkeit all des Neuen in unserem Leben und die Freude über die vielen schönen Momente, die wir jeden Tag miteinander erleben im Entdecken des anderen.

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© Bettina Löber

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