Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

Über Vertrauen und Anpassung

In diesem Blog möchte ich eine kleine wahre Geschichte erzählen, die ich mit meiner Araberstute Liberty erlebt habe. In ihr geht es um Vertrauen. Wie schnell sagen wir: Klar, mein Pferd vertraut mir … ich liebe es ja auch über alles! Doch Liebe und Vertrauen gehen nicht automatisch zusammen. Das Vertrauen unserer Pferde gewinnen wir vor allem durch unser Handeln. Und oft wird Vertrauen mit Anpassung verwechselt.

An einem Tag kam die Pferdezahnärztin zu uns. Als die Behandlung zuende und Liberty noch ganz in der Betäubung war, auf wackeligen Beinen mit schwerem Kopf, nahm ich ihren Kopf liebevoll in meine Arme, hielt sie fest und begann, sanft ihre Stirn zu streicheln – eine Nähe, die sie sonst nur zulässt, wenn wir gerade beide in sehr verbundener sanfter Stimmung sind. Sie ist kein Schmusepferd und in dieser Hinsicht sehr wählerisch.

 

Nach einer kurzen Weile entstand zwischen uns trotz ihrer Betäubung eine tiefe Verbindung. Ich konnte fühlen, wie Liberty diesen Schutz von mir dankbar annahm. Ich wusste ganz sicher, dass ihr dieses Gehaltenwerden in ihrer ungewohnten Hilflosigkeit wohltat. Schließlich erwachten ihre Sinne und damit auch ihre angeborene Wachsamkeit, die sie veranlasst, meistens lieber selbst zu schauen, ob alles im sicheren grünen Bereich ist. Abends war sie wieder ganz munter, und ich war happy und zufrieden. Die stressige Behandlung hatten wir gut überstanden und konnten in unseren Alltag zurückkehren.

 

Am nächsten Tag war herrliches Wetter, und ich fühlte mich ausgeruht und wunderbar. Ich dachte mir, das ist doch der ideale Tag, um ein bestimmtes Video für meine Freiarbeitskurse aufzunehmen. Es dauerte nicht lange, und ich hatte alles zusammengepackt und kam beim Stall an. Hier wartete eine freudige Überraschung auf mich. Ich wurde von Liberty mit einem das übliche Maß übersteigenden Dauerbrummeln begrüßt, und in der nächsten halben Stunde, während ich auf dem Gelände unterwegs war, suchte sie auffällig viel meine Nähe. So kam mir unsere Innigkeit vom Vortag in den Sinn, und ich war voller Freude über dieses Andauern und voller Tatendrang, gespannt auf unser Training. Wir gingen zusammen auf den Platz, und wie so oft ließ ich es ruhig angehen. Ich legte ihr ein bisschen Heu hin, sie begann zu mümmeln, und ich saß ein Stück entfernt in der Sonne und ließ ein Weilchen die Seele baumeln. Wieder kam sie zu mir und brummelte mich an. Als ich zum anderen Ende des Platzes hinüberging, um die Kamera aufzubauen, kam Liberty mit und stellte sich neben mich. Das war nun wirklich kein typisches Liby-Verhalten!

 

Nun begann unsere Freiarbeit mit Herz. Ich lud sie ein mit ein paar Anfragen, sich mit mir zu bewegen. „Hey Liby, hast du Lust? Wollen wir ein bisschen über den Platz kringeln?“ Nein. Liberty glitt nach kurzer Zeit in ein altgewohntes Verhaltensmuster: Sie wurde fest und blieb stehen. Okay … ich nahm es auf und bewegte mich ein Weilchen selbst über den Platz mit steigender Energie, um den Raum etwas mehr ins Schwingen zu bringen. Als ich das Gefühl einer guten Präsenz und Energie hatte, lud ich Liberty erneut ein mitzumachen. Ein schöner kleiner Kringel-Tanz schloss sich an. Aber dann … blieb sie wieder stehen. Ich teilte einen Moment den Raum mit ihr, fragte nochmal Bewegung an, nahm etwas Raum ein … versuchte also, in eine beidseitige Unterhaltung mit ihr zu kommen. Noch einmal ließ sie sich ein und wir flossen ein kleines Weilchen zusammen dahin. Aber dann wurde ihr Gesicht immer grantiger und angespannter, ihre Ohren flach, ihre Lippen fest, die Nase kraus, und schließlich sprang sie verärgert zur Seite, nahm Abstand und stellte sich hin.

 

Von der innigen Verbundenheit, die wir so genossen hatten, war erstmal nichts mehr zu spüren. Aber das war nicht so schlimm. Denn wir hatten unsere beidseitige Unterhaltung gehabt, und jetzt war die Botschaft bei mir angekommen. An diesem Tag habe ich eben etwas länger gebraucht :-). Trotzdem: Ich habe zugehört! Ich war nun auch mit der Situation zufrieden, obwohl natürlich klar war, dass es mit meinem Video heute nichts werden würde. Ich setzte mich an den Rand des Platzes und sagte zu ihr: Okay Liby, alles klar. Kannst wieder entspannen, ich bleibe jetzt hier bei dir sitzen. Und Liberty brummelte, kam ganz nah zu mir und stellte sich entspannt neben mich. So saßen wir da, und ich ließ nun langsam meine  tatkräftige Energie abfließen aus meinem Körper in den Sandboden ... all die gebündelten Pläne und Absichten, die ich mitgebracht hatte, weil ich dieses ganz bestimmte Video drehen wollte, weil ich gut drauf war und Lust hatte, mit Liberty zu tanzen.

 

Während wir so miteinander entspannten, drang schließlich auch in mein Gefühl und Bewusstsein, was mit ihr los war. Sie fühlte sich körperlich labil und hatte Kopfschmerzen. Vielleicht war es das Gift in ihrem Körper von der Sedierung am Vortag. Jetzt, nachdem ich innerlich nicht mehr angefüllt, sondern leer genug war, konnte ich es wahrnehmen. Und sie genoss erneut meine Nähe und meinen Schutz, um sich auszuruhen und zu dösen.

 

Während ich mit ihr in der Sonne saß, dachte ich darüber nach, was aus dieser wunderschönen Verbindung und ihrem Vertrauen in mich wohl geworden wäre, wenn ich das Zuhören noch nicht gelernt hätte und einfach nach konventionellem Muster mit einem Halfter oder Kappzaum gekommen wäre und ein Training begonnen hätte, vielleicht auch noch mit all den oft dazugehörenden Gedanken im Kopf: Heute ist sie aber faul … sie nimmt mich gar nicht richtig ernst … wenn ich ihr jetzt nicht zeige, dass ich sie bewegen kann, kommen wir nie in die Gänge …

 

Diese Stute, die da mit mir beisammen war, nun wieder meine Nähe wollte und sich wohl mit mir fühlte, hat mir das Zuhören und beidseitige Kommunizieren beigebracht. Längst trägt unsere vor Jahren noch so schwierige Beziehung reiche Früchte. Immer wieder erfahre ich ein tiefes Vertrauen und erlebe es als wunderbares Geschenk. Woran ich Tiefe messe? Es ist zum einen ein ganz besonderes Gefühl, eine intensive Verbindung, die uns manchmal innehalten und es einfach genießen lässt. Aber es zeigt sich auch in ihrem Verhalten, zum Beispiel in brenzligen Situationen. Sie tut Dinge für mich, die sie aus ihrem Instinkt heraus nicht tun würde. Es zeigt sich häufig, wenn ich die Führung übernehmen möchte in ihrem sofortigen Einverständnis.

 

Es ist gar nicht so schwer, das Leben und Trainieren mit unseren Pferden so zu verändern, dass eine beidseitige Kommunikation entsteht und wir die alten Muster der Einseitigkeit abstreifen, in denen immer nur wir „sprechen“ und die Pferde zuhören, in denen immer nur wir wollen und die Pferde machen. Wenn wir diesen so hingebungsvollen Wesen, die dazu neigen, sich anzupassen und Dinge zu erdulden, obwohl sie ihnen schwerfallen oder wehtun, Raum geben wollen, sich uns mitzuteilen, brauchen sie auch äußerlich Raum. Wenn wir dauernd etwas an ihrem Kopf haben und dicht neben ihnen agieren, können sie sich nicht ausdrücken. Allzu oft ist es heute noch so, dass Vertrauen und Anpassung verwechselt werden, und dann entstehen Konflikte oder es wird gar gefährlich, wenn das Pferd doch einmal die Flucht ergreift oder anderweitig heftig reagiert.

 

Wenn du Lust hast, die beidseitige Kommunikation als ideale Ergänzung zu anderen Trainings zu erlernen, mach doch mal Freiarbeit mit Herz.

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© Bettina Löber

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