Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

Der JA-Moment

Der JA-Moment ist ein ganz bestimmter Augenblick in der Beziehung zwischen einem Menschen und einem Pferd. Er passiert nicht nur einmal, sondern immer wieder, aber er passiert irgendwann zum allerersten Mal, und das ist ein unbeschreiblich berührendes Erlebnis.

Es ist der Moment, in dem ein Pferd in psychischer Freiheit ganz und gar von sich aus JA sagt zu seinem Menschen. Durch diesen Moment verändert sich alles, was beide zusammen tun und erleben. Er ereignet sich unvermittelt zum ersten Mal und dann immer wieder, denn ohne ihn wird ein Mensch, der ihn erlebt hat, nicht mehr mit seinem Pferd leben wollen. Durch ihn entsteht eine Verbindung, die alles übertrifft, was vorher da war. Wenn dieses JA noch nicht passiert, liegt das nicht daran, dass ein Mensch sein Pferd nicht genug liebt oder umgekehrt. Es liegt daran, dass das Miteinander dem Pferd keine Möglichkeit gibt, zu diesem JA zu finden und es auszusprechen.


Mit diesem JA meine ich nicht, dass das Pferd einwilligt zu tun, was wir gerade üben und trainieren, oder dass es mir Platz macht, wenn ich an ihm vorbei will, oder dass es sich aufhalftern lässt, nachdem es zunächst nicht wollte. Aber auch in diesen Situationen kann der JA-Moment entstehen. Er ist von äußeren Umständen unabhängig und geschieht genau dann, wenn Mensch und Pferd sich Auge in Auge und Herz in Herz begegnen und verbinden, als zwei freie Wesen, die dies möchten. Dieses JA  geht viel tiefer als alle „Okay“s, die das Pferd bisher zu dem gesagt hat, was wir mit ihm gemacht haben, und ihm ist eine Entwicklung vorausgegangen, die nur stattfinden konnte, weil wir sie ermöglicht haben. Nur wir können es tun, denn unsere Pferde sind in vielerlei Hinsicht von uns abhängig.


Um deutlicher beschreiben zu können, was ich mit dem JA-Moment meine, möchte ich hier einmal drei Pferdebesitzer-Typen darstellen, was natürlich etwas kategorisch ist, aber hilfreich fürs Verständnis.


Die erste Pferdebesitzerin sieht sich als Trainer. „Ein Pferd braucht ein gutes Training, um sich positiv zu entwickeln. Wir arbeiten zusammen, um besser zu werden im Reiten, Springen, in der Dressur …“, könnte eine Antwort von ihr auf die Frage sein, wie sie mit ihrem Pferd zusammenlebt. Die gemeinsame Zeit ist also dem Trainieren mit seinen jeweiligen Zielen gewidmet.


Der zweite Typ sieht sich als Freundin des Pferdes, ist „Freizeitreiterin“ ohne besonderen sportlichen Ehrgeiz und hat ein Pferd, weil sie sich zu Pferden hingezogen fühlt. Sie verbringt so viel Zeit mit ihm wie möglich, sorgt gut oder manchmal gar viel zu gut für sein Wohlbefinden. Um ihm Bewegung zu verschaffen oder es für das Reiten fit zu halten, probiert sie alle möglichen Methoden aus, um hinzubekommen, dass das Pferd tut, was es soll, damit das Reiten oder Spazierengehen oder die Bodenarbeit gut klappen. Immer mehr Pferdebesitzerinnen dieses Typs versuchen, mit ihrem Pferd so zu arbeiten, dass sie nicht mit Themen wie Druck oder Dominanz in Berührung kommen. Diese Begriffe sind negativ belegt und erzeugen Assoziationen von pferdequälenden gefühllosen Hardlinern, die es ja in der Tat leider häufig gibt. Die Pferdefrau dieses Typs neigt dazu, sich immer wieder Trainer als Vorbilder zu suchen, deren Methode sie übernehmen kann. Sie vertraut dann diesem Trainer mehr als sich selbst und folgt ganz oder weitgehend den Vorgaben, die sie von ihm oder ihr erhält.


Die dritte Pferdebesitzerin sieht sich als Gefährtin ihres Pferdes, so wie auch Typ 2, und sie ist an einen bestimmten Punkt gekommen. Sie würde es so ausdrücken: „Ich möchte eine echte Partnerschaft mit meinem Pferd leben, denn ich möchte wissen, was es sich wünscht und was es von mir braucht. Da ich bisher nur gelernt habe, wie ich ihm mitteilen kann, was ICH mir wünsche, fühle ich ein großes Ungleichgewicht. Von Partnerschaft kann so nicht die Rede sein. Deshalb habe ich die Nase voll von all den Methoden, die mein Pferd dazu bringen zu tun, was ich möchte. Ich möchte lernen, ihn oder sie zu verstehen. Ich wünsche mir eine Beziehung und ein Training, die nicht nur von mir gestaltet werden, sondern von uns beiden.“


Dieser dritte Typ ist auf dem Weg zum JA-Moment. Sowohl bei Typ 1 als auch bei Typ 2 kann ein Pferd durchaus ein zufriedenes Leben führen. Pferde sind als Herdentiere Anpassungswesen. Wenn die Haltung einigermaßen stimmt, sie sich sicher fühlen und gut versorgt werden, liegt es in ihrer natürlichen Veranlagung, sich mit den Umständen zu arrangieren und möglichst keine Unruhe zu erzeugen. Sie versuchen, so gut wie möglich zu verstehen und zu tun, was die sportlich-ehrgeizige oder die freizeitlich-liebevolle Pferdebesitzerin von ihnen möchte. Wenn wir das natürliche Anpassungsverhalten der Pferde für uns nutzen und dabei weder grob noch anderweitig übergriffig werden, können wir ihnen beibringen, was wir wollen, und unter zwei Voraussetzungen läuft alles gut: erstens, dass wir psychisch einigermaßen ausgeglichen sind, und zweitens, dass wir in der Kommunikation einigermaßen klar sind.


Gerade beim zweiten Typ kommt es in unserer Zeit immer häufiger vor, dass es dem Pferd auf einmal nicht mehr gut geht, dass es ein auffälliges Verhalten zeigt oder gar krank wird. Dann sind die beiden genannten Voraussetzungen nicht erfüllt. Wenn wir psychisch labil und gerade in der Krise sind, übernehmen unsere feinfühligen Pferde aufgrund ihrer ebenfalls angeborenen energetischen Resonanzfähigkeit viel von unseren Lasten. Wenn wir sehr unklar und einseitig in unserer Kommunikation sind, entwickeln sie eventuell unerwünschte Verhaltensweisen, zum Beispiel beginnen sie, nach den Händen zu schnappen, weil sie einfach keine andere Möglichkeit haben, zum Ausdruck zu bringen, dass ihnen das, was gerade geschieht, zu nah oder zu stark ist oder zu lange dauert. Es ist sehr belastend für sie, wenn ihre Besitzer inkongruent sind, also Verhalten und innere Befindlichkeit ihres Menschen nicht übereinstimmen. Wenn ich mich zum Beispiel gerade sehr schwach fühle, aber meine, dass ich „mein Pferd bewegen“ muss – oder dies tatsächlich müsste, weil es sich aufgrund der Haltung nicht genügend Bewegung verschaffen kann – , und es dann longiere mit vielen treibenden und fordernden Impulsen, weil ich nun in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Bewegung erzeugen will, geht das nicht nur an den Bedürfnissen des Pferdes vorbei, sondern fühlt sich auch äußerst ungut an, denn das Pferd spürt die Schwäche hinter dem Gebaren und alles in ihm sagt eigentlich Nein zu diesen Bewegungsanfragen, in denen die Energie nicht stimmt.


Deshalb ist die Beziehung zwischen dem sportlich-ehrgeizigen Typ 1 und seinem Pferd oft in gewissem Sinne einfacher, und es tauchen weniger Probleme auf als bei Typ 2. Pferd und Mensch in der ersten Kategorie haben klare Ziele, die der Mensch mitgebracht hat, und solange das Pferd die Leistung erbringen kann, die von ihm verlangt wird, herrschen unter den oben genannten Bedingungen akzeptable Verhältnisse. Probleme tauchen natürlich auf, wenn das Pferd aus irgendwelchen Gründen die Anforderungen nicht erfüllen kann, aber das ist hier nicht unser Thema. Und wie gesagt ist diese Einteilung in drei Typen viel zu kategorisch für das echte Leben, sie dient nur dazu, die Kernfrage einzukreisen. Diese lautet: Was braucht ein Pferd, um in psychischer Freiheit von sich aus JA zu sagen zu seinem Menschen und zu dem, was dieser machen möchte?

Damit kommen wir zurück zum JA-Moment.


Ich selbst war jahrelang unterwegs als Typ 2. Ich liebte meine Pferde und habe alles getan, damit es ihnen gut geht. Sie hatten Auslauf, gute Versorgung, eher zu gute, denn ich habe mir schnell Sorgen gemacht, was nur dazu führte, dass sie sich Sorgen um mich gemacht haben. Ich habe so einige Methoden ausprobiert, sie zu Bewegung und Training zu motivieren, bin irgendwann bei den Methoden mit gezielt einzusetzenden Leckerli angekommen, weil ich auf keinen Fall dominant sein wollte, und so ging es einigermaßen. Aber richtig glücklich waren wir nicht. In mir war eine Sehnsucht nach einem echten Einander-Verstehen, nach ebenbürtiger Verbindung. Ich wollte nicht, dass sie mich mögen, ohne dass ich ihre vielen feinen Mitteilungen verstehe, die es natürlich geben musste, denn ich sah ja, mit wie wenig Aufwand Pferde in der Herde kommunizieren. Ich träumte von einem Miteinander, in dem sich meine Menschenwelt und ihre Pferdewelt wirklich berühren und ineinander fließen könnten. Ich sehnte mich danach, ihre wortlose Sprache zu erlernen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen.


Diese Sehnsucht zu fühlen und nicht mehr loszulassen, war der entscheidende Wendepunkt in meinem Leben mit Pferden. Ich begann, alles zu lassen, was unsere Welten trennte, und mich darauf einzulassen, von ihnen zu lernen. Ich hörte auf, all die „man muss dies“ und „man muss das“-Glaubenssätze aus der Reiter- und Trainerwelt zu befolgen und wandte mich denen zu, die es wirklich wissen mussten: den Pferden selbst. Ich begann, von ihnen zu lernen, was sie sich wünschten und von mir brauchten. Dies hatte enorme Auswirkungen auf unser alltägliches Miteinander und auf unser Training. Denn eins war mir bald klar: Wenn ich mit Wesen kommunizieren möchte, die sich durch Bewegung und Energie ausdrücken, wenn ich möchte, dass sie sich mitteilen können und nicht nur meine Ansagen erfüllen, dann muss ich ihnen Freiraum verschaffen, in dem sie reden können. So kam ich ganz von selbst zu einer Freiarbeit, die nichts mit Dressur oder einem Training zu tun hatte, bei dem ich nun ohne Strick noch immer die Bewegungen des Pferdes kontrolliere. So entstand schließlich die Freiarbeit mit Herz.

 

Ein Pferd kann von sich aus nur JA sagen, wenn es auch die Möglichkeit hat, NEIN zu sagen. Und dies nicht nur, wenn es sich beim besten Willen nicht mehr anpassen kann oder in seltenen Momenten. Es braucht Freiraum, Nein zu sagen, wann immer etwas nicht stimmt und an seinen Bedürfnissen vorbeigeht.


„Aber das ist doch Wahnsinn“, höre ich jetzt einige empörte Aufschreie, „völlig verantwortungslos.“ Das ist es nicht, wenn ich mir meiner Verantwortung bewusst und in der Lage bin, immer dann, wenn es nötig ist, „DOCH“ zu sagen. Sonst wäre es in der Tat Wahnsinn und gefährlich. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir mit unserem Pferd wirklich kommunizieren können. Viele Missverständnisse, Unfälle und Blessuren entstehen, weil ein Pferd schon zehn Mal NEIN gesagt hat, aber sein Mensch hat es nicht wahrgenommen.


Ich kann viele Gelegenheiten schaffen, in denen es nicht verantwortungslos ist, dem Pferd die Freiheit zu geben, NEIN zu sagen. Das fängt beim Putzen und Spazierengehen an und geht im Training weiter. Für mich gibt es einen klaren, schönen und offenen Weg, Pferden psychisch die Freiheit zu geben, sich auszudrücken. Nur so können wir Menschen lernen, sie zu verstehen und ihre nonverbale Sprache zu übernehmen. Und dies ist die Sehnsucht der Pferdebesitzerin vom Typ 3 und die Lösung für die Konflikte, mit denen sich die zweite Pferdebesitzerin eventuell herumschlägt. Eine Freiarbeit, in der Bewegung zu Kommunikation wird, zu einem Dialog, in dem beide sprechen und beide zuhören. Eine Kommunikation Auge in Auge und Herz in Herz.


Als ich begann, diesen Weg zu gehen, bekam ich zunächst ein großes NEIN von meiner Stute Liberty, aber irgendwann war es soweit. Zwei freie Wesen standen einander gegenüber und sagten JA zueinander. Zwei Herzen kamen in die volle Resonanz. Ein Kopf hatte Ruhe gefunden und plagte sich nicht mehr mit Themen wie Druck und Dominanz herum, denn eine natürliche Kommunikation war ins Fließen gekommen. Ich hatte gelernt zuzuhören und mein Verhalten den Bedürfnissen der Pferde anzupassen, wann immer es möglich war. Zu Libertys Bedürfnissen gehört zum Beispiel auch, dass ich ihr ab und zu beweise, dass ich dominant sein kann. Nicht dann, wenn ich will, sondern dann, wenn sie einen Beweis meiner Präsenz und Führungskraft braucht. In diesen Momenten gibt sie die Verantwortung an mich ab und genießt es, mir zu folgen.

 

Ich war zu einem Anpassungswesen geworden und hatte gleichzeitig gelernt, in anderen Momenten klipp und klar zu sagen, was ich von meinen Pferden brauche. Wir hatten eine neue Basis für alles gefunden, was wir miteinander taten. Im Laufe der Zeit gab es auch weiterhin viele Neins, aber nun auch viele JA-Momente. Unsere Trainings waren zu Dialogen geworden, in denen beide etwas zu sagen hatten.


Wenn diese Basis entsteht, wird jeder neue Schritt des Lernens und Erfahrens zu einer offenen Frage: Na, was sagst du? Ja oder Nein? Ist es ein Nein, dann gibt es einen Grund dafür. Manche Gründe sind überzeugend und verlangen, dass ich etwas ändere in mir oder in meinem Handeln. Du brauchst mehr Zeit, um in den Flow zu kommen? Okay, das können wir machen. Du bist grad müde? Dann machen wir doch einfach mal zehn Minuten Nickerchen. Andere sind weniger überzeugend. Du bist gerade ein bisschen faul? Dann sage ich jetzt mal „DOCH“. Ab und zu gibt es ein Missverständnis, das gehört zum Leben. Es gibt einige grundsätzliche Bedürfnisse, die unsere Pferden haben und die nur allzu oft überhört werden. Sie haben mit Timing, Rhythmus und Energie zu tun, mit Aktion und Pause und mit Nähe und Distanz. Dann können sie nicht JA sagen, weil sie sich unwohl oder bedrängt fühlen. Und es gibt das, was ich „Schwellen“ nenne. Herausforderungen, die eine innere Überwindung brauchen, um sich darauf einlassen zu können. Dies sind Situationen, die einen JA-Moment brauchen. Die Entwicklung geht erst weiter, wenn das Pferd den JA-Moment gefunden hat und wir wieder Auge in Auge und Herz in Herz auf dem Platz oder der Weide stehen und die tiefe Verbindung fühlen, die uns gemeinsam stark macht.


Der JA-Moment ist eine beglückende Erfahrung. Er bedeutet, dass ein Pferd sich nicht nur sicher fühlt und so gut wie möglich macht, was man von ihm verlangt. Er bedeutet, dass ein Pferd nicht auf Leckerli oder Lob reagiert und sein Verhalten an diese Gaben anpasst (was ich hiermit nicht abwerten will, ich möchte nur unterscheiden). Im JA-Moment steht dir ein Pferd gegenüber, das sich selbst spürt, das seinen Raum für dich öffnet, das ein tiefes Vertrauen in deine Ehrlichkeit und Authentizität gefasst hat und dass sich ganz bewusst für eine neue Erfahrung entscheidet. Es sagt JA, weil es genau in diesem Moment genau diese Erfahrung mit genau DIR machen möchte. Wer es einmal erfährt, möchte nicht mehr zurück und wird lernen, wie ein Pferd diese bewusste, fühlende, vertrauensvolle Präsenz in sich finden kann, um ihm diese Möglichkeit zu geben.


Natürlich gibt es auch Pferde, die an unserer Seite leben in einem einzigen großen JA-Moment. Wir nennen sie Seelen- oder Herzenspferde. Dieses JA basiert auf einem tiefen wechselseitigen Erkennen, und die Verbindung ist einfach immer da. Solche Pferde zu treffen, ist eher die Ausnahme. Mit all den anderen haben wir die Chance, es zu entwickeln. Freiraum ist hierbei ein Zauberwort, und Zuhören ein weiteres. Nicht mehr Trainer sein und auch nicht manchmal Freund und manchmal Trainer. Sondern ganz DU auf dem Weg hinein in die Welt deines Pferdes, um seine Sprache zu erlernen und das von Herzen gegebene JA zu empfangen.

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© Bettina Löber

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