Herz-Wege mit Pferden
Herz-Wege mit Pferden

Wintersonnenwende - Berührung im Innersten

Heute ist Winteranfang, und wir haben den Tiefpunkt erreicht, die dunkelste Zeit des Jahres. Da ich mit Pferden lebe, ist diese Zeit auch ohne Weihnachtsvorbereitungen immer besonders, denn ich verbringe bei Wind und Wetter, bei Schnee und Regen, im Nasskalten und Schmuddeligen mindestens zweimal täglich über eine Stunde draußen am Waldrand. Ab und zu entsteht in mir Winterblues, und ich fange an zu jammern. Schon vier Wochen Dauergrau, und immerzu Regen und Matsch. Dann entsteht an einem scheußlich nasskalten Abend auf einmal aus dem Nichts einer dieser magischen Momente.

Ich sitze im Dunkeln unter dem Stalldach, während es leise regnet und die Pferde in der Nähe ihr Heu mümmeln. Das Mahlen in ihren Pferdemäulern wirkt wie immer therapeutisch beruhigend. Ich sehe die Silhouetten dieser drei Kreaturen im Lichtschimmer, der von unten aus dem Dorf und von oben aus dem Mondlicht kommt, und lasse mich in ihre sanfte Herdenenergie hineinsinken. Liberty und Samy stehen an der Raufe, aber Ananda ist bei mir, sie mümmelt von dem kleinen Heuhaufen, den ich in den Stalleingang gelegt habe. Zweimal kommt sie ganz zu mir und lässt ihre Nüstern über meine Thermohose und Winterjacke gleiten. Wir spüren, wie wenig wir einander noch kennen. Ich fühle ihre Verletzbarkeit, ohne genau zu erfassen, was in ihr verwundet ist. Ich fühle nur, dass es da ist. In ihr schlummert ein wildes, freies Wesen, aber noch traut sie sich nicht, sich ganz zu zeigen. Vier Monate ist sie jetzt bei uns. Sie so zu spüren, ist wie ein Spiegel. Mein inneres wildes Wesen wird berührt, und ein Hauch von Wehmut erfasst  mich. Während sie immer wieder halb im Stall verschwindet, um Heu zu futtern, und wieder rückwärts hervorkommt, um mit gespitzten Ohren in den dunklen Wald neben uns zu horchen, ob alles sicher ist, erfüllt mich unsere Herzverbindung mit liebevoller Kraft. Meine Güte, warum ist es so schwer, einfach zu sein, wer man ist?


Die Antworten strömen leise. Weniger in Worten als in Wahrnehmungen. Es ist gar nicht schwer, nur manchmal unbequem. So sehr sind wir an das lineare Denken gewöhnt, dass wir die Fülle unseres eigenen Seins mit seinen Rhythmen oft nicht ertragen können. Wir erleben Prozesse und Durchbrüche und meinen, dass alles Alte nun vorbei ist und wir jemand anders. Wenn es sich dann doch wieder meldet, sind wir enttäuscht und gefrustet … beim letzten Seminar, im vergangenen Monat, nach diesem oder jenem besonderen Erlebnis ging es mir doch so gut und ich konnte fühlen, wer ich wirklich bin … und jetzt sitze ich schon wieder hier und alles ist wie gehabt?
Wenn du das kennst, sind die folgenden Worte für dich. Es ist wichtig zu verstehen, wie die Prozesse innerer Neuwerdung laufen. Auf jeden Fall folgen sie nicht unserem linearen Denken, das daran gewöhnt ist, immer ins Licht, ins Wachsen, in den Fortschritt und in den Erfolg zu streben und alles abzulehnen und negativ zu bewerten, was sich unbequem anfühlt. Die echten Wachstumsprozesse brauchen auch die Dunkelheit. Der Eintritt in den Winter, das Erleben der Sonnenwende und der Zeit des Jahreswechsels, ist die beste Zeit, um den inneren Vorgängen Raum zu geben.


Wenn du eine Gärtnerin bist, weißt du, dass du im Moment nichts tun kannst für deine Pflanzen. Du kannst einfach nur zulassen, dass sie ruhen und in ihren Wurzeln wohnen. Du kannst vielleicht spüren, dass da tief im Dunkel der Erde eine ruhende Lebendigkeit ist. Wenn du es zulässt, ist es genauso in dir. Dein inneres Selbst sucht nach dir und nutzt die Momente, in denen du mal nichts tust, für eine liebevolle Rückverbindung. Gerade dies fühlt sich oft im ersten Augenblick nicht so angenehm an. Wir modernen Menschen tun uns so unendlich schwer mit dem Stillstand, mit der Pause. Es fehlt uns an Urvertrauen und Hingabe. Und jetzt, im tiefen Winter, sind wir zum Stillhalten gezwungen, das mit einer intensiveren Selbstwahrnehmung einhergeht.
Während ich dem leisen Plätschern des Regens und Anandas mahlenden Zähnen zuhöre, tauche ich langsam ein in meine innereigene Weisheit. Das Geheimnis des Dunkels berührt mich wieder, das im hektischen Treiben der Außenwelt einfach nicht zu Wort kommen kann. Erlebte Weisheit berührt mich, die ich im Lauf des Jahres in den Seminaren mit anderen Frauen teilen durfte. Der Rhythmus der Jahreszeiten wird in mir zum Rhythmus des Lebens.


Der Rhythmus unseres irdischen Wohnorts ist die Vier. Vier Jahreszeiten, die in unseren Breitengraden alle zum Ausdruck kommen. Genauso leben wir durch die sich unablässig wiederholenden vier Phasen des Atmens. Wir können den Zauber des Atmens, der einfach geschieht, ohne dass wir etwas tun,  in seiner vierfachen Rhythmik wahrnehmen. Einatmen ist Frühling, die prallgefüllte Lunge der Sommer, Ausatmen ist Herbst … und jetzt, am Tiefpunkt des Winters, gleiten wir in die Leere, ins Nichts. Ohne Angst und ohne Widerstand. Wir können nichts tun, nichts verbessern, nichts beschleunigen, nichts gestalten und nichts erreichen. Wir können uns nur hingeben, ja, ein bisschen aufgeben. In diesem Zustand zerfällt das Alte. Schon beim Ausatmen haben sich die Energien alter Erlebnisse und Schmerzen sanft oder heftig aus den Nischen unseres Körpers gelöst, je nachdem, ob unser innerer Herbst ruhig oder stürmisch war, und nun können wir zulassen, dass sie sterben und im Erdreich versinken. Jetzt, in diesem Moment des Stillstands, können wir tief im Herzen spüren, wer wir wirklich sind, können das Unantastbare, niemals Vergehende fühlen. Eine innige Verbindung mit uns selbst voller Urvertrauen. Der nächste Atemzug wird unweigerlich beginnen zu strömen und unseren Körper mit neuer Kraft zu erfüllen, wenn es soweit ist.


Ananda stößt einen tiefen Seufzer aus und unterbricht ihr Mümmeln. Völlig entspannt fühlen wir unsere Nähe, bis uns ganz langsam wieder bewusst wird, dass wir uns noch nicht gut kennen. Ich kenne ihre Geschichte nicht, und sie meine nicht. Aber das macht nichts. Wir folgen dem Rhythmus des Lebens.
Egal, wie erwacht und erleuchtet, transformiert und ganzheitlich bewusst wir sind, egal, wie jung oder alt wir sind in unserer Seele – unser Körper ist verbunden mit der Erde und ihrem Herzschlag, ihrem Rhythmus. Deshalb gibt es in uns auch die Jahreszeiten. Es gibt die großen Phasen und die kleinen. Wir können auch mitten im Winter erblühen, wie eine Christrose. Wir können auch im Sommer verdorren, wenn wir nicht gut für uns sorgen. Viele Menschen suchen Entwicklung in ihrer Psyche und für ihre Seele und vergessen dabei den Körper. Jetzt, zu Beginn des Winters und am Punkt der Sonnenwende, tut es uns gut, die verborgenen Prozesse des Sterbens und Neuwerdens in uns geschehen zu lassen, indem wir ganz einfach – nichts tun, nur vertrauen und geschehen lassen.

 

Ein oder zwei Momente an jedem Tag in dieser Hingabe sind das beste Saatbeet für den kommenden Frühling, in dem ein tiefer Atemzug wieder aus dem Sein ins neue Tun führen wird.
In diesem Sinne wünsche ich dir einen ruhigen und heilsamen Übergang ins neue Jahr!

AKTUELL:

Bis zum 31. August ist Sommerpause bei den Herzwegen!

Anfragen und Anmeldungen werden aber trotzdem bearbeitet.

 

Neuer Blog: Die Verwandlung des inneren Saboteurs

 

Nächste  Seminare:

am 16. September: fünfter Tag des Sommerkurses Mit Pferden tanzen - Ein Selbsterfahrungskurs, Teilnahme auch als Einzeltag möglich

 

Nächste Pferdekurse:

am 1./2. September: Freiarbeit mit Herz Basiskurs zum ermäßigten Preis, weil der Kurs von den angehenden neuen Freiarbeit mit Herz-Trainerinnen geleitet wird. (Ausgebucht - Warteliste)

 

am 1. September beginnt der nächste Freiarbeit mit Herz Onlinekurs (Basis)

 

Ausbildung zur Freiarbeit mit Herz - Trainerin: Infos hier

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© Bettina Löber

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